• Miri

Etappe 2: Dølemo bis Rjukan (Austheiane)

Wir haben die Straße vorerst hinter uns gelassen. Seit Dølemo wandern unsere Füße nicht mehr auf Asphalt, sondern auf … Matsch. Etwas anders haben wir uns unsere erste Etappe in den norwegischen Fjell- und Berggebieten ehrlich gesagt schon vorgestellt. Nicht selten haben wir während der Straßenetappe schon ans Fjell gedacht und uns gewünscht, wir wären doch schon endlich dort. Diese Etappe war es anders herum und wir haben uns sogar hin und wieder dabei ertappt, uns den Asphalt zurück zu wünschen… Seit wir von Dølemo aus in die Austheiane gestartet sind, wandern wir größtenteils durch Sumpfgebiet. Aber nicht nur Sumpf, sondern auch atemberaubend schöne Aussichten und die urgemütlichsten Hütten durften wir dort erleben.

Aber von Anfang an:


Aufbruch in Dølemo:

Da es die ganze Nacht geregnet hatte, war unser Zelt noch ziemlich nass, als wir nach draußen krochen. Ein Blick nach oben verriet uns, dass wir auf die Sonne, die das Zelt trocknen würde, nicht hoffen konnten. Wir trockneten es grob mit unseren Handtüchern ab und packten es dann noch leicht feucht ein. Nachdem wir uns noch kurz Kaffeenachschub im Supermarkt geholt hatten, sind wir um halb 10 vom Campingplatz in Dølemo aufgebrochen und hatten laut unserer mit Garmin Basecamp geplanten Route nur 17 Kilometer bis zur ersten Hütte in der Austheiane vor uns. Wir freuten uns also auf einen entspannten Wandertag endlich abseits der Straßen. Auch die Vorfreude und Neugierde auf unsere erste DNT-Selbstversorgerhütte war groß.



Kurz nach dem Start fing es dann an zu tröpfeln. Die Tropfen haben sich schnell in einen starken Schauer verwandelt und wir haben es gerade noch rechtzeitig geschafft, uns und unsere Rucksäcke regenfest zu machen. Eine halbe Stunde später kam die Sonne wieder raus. Da es bergauf ging, fingen wir ziemlich schnell an zu schwitzen und verstauten die Regensachen wieder im Rucksack - um sie dann kurze Zeit darauf wieder raus zu holen. So ging das dann vier Stunden lang. Das Wetter konnte sich nicht entscheiden und wir waren bald ziemlich genervt. Irgendwann war der Regen dann so nett, einfach weiter zu regnen, so dass wir uns wenigstens die An- und Auszieherei sparen konnten. Inzwischen waren wir in einer weitläufigen Moorlandschaft gelandet. Der Boden war so nass und sumpfig, dass wir mit jeden Schritt knöcheltief einsanken. Das Wasser kam nun nicht mehr nur von oben, sondern auch von unten.






Anfangs versuchten wir noch, die sumpfigen Stellen zu umgehen. Aber schon nach kurzer Zeit gaben wir auf und marschierten einfach mitten durch. Wir kamen nur sehr langsam voran an diesem Tag und schafften kaum Kilometer. Mit jedem Schritt hörten wir von unseren Schuhen ein lautes Schmatzen. Dadurch, dass wir unsere Füße nach jedem Schritt erst wieder aus dem Matsch herausziehen mussten, war das Gehen unglaublich kräftezehrend. Eigentlich brauchten wir langsam eine Pause. Doch weit und breit fanden wir nichts, um uns unterzustellen und auch hinsetzen war keine Option. In diesem Moment sehnten wir uns wieder nach der Straße zurück. Da konnte man sich wenigstens einfach hinsetzen ohne komplett im Sumpf zu versinken…

Als wir dann auch noch den Weg verloren haben und sich herausstellte, dass wir im Kreis gelaufen sind, keimte leichte Panik auf, ob wir es heute überhaupt noch zur Hütte schaffen würden. Wir versuchten ruhig zu bleiben und gingen wieder zurück, bis wir zu der Wegmarkierung kamen, wo wir falsch abgebogen sein mussten. Zum Glück fanden wir dann schnell wieder den richtigen Weg. Wobei das Wort ‚Weg‘ nicht wirklich das richtige dafür war. Es hatte mehr etwas von ,querfeldein‘. Teilweise mussten wir uns durch knie- bis hüfthohes Gestrüpp kämpfen. Immer wieder versperrten uns umgefallene Baumstämme den Weg und wir mussten entweder unten durch kriechen oder drüber klettern - beides ziemlich lustig anzusehen mit unseren großen Rucksäcken.



Wo zwischendurch doch mal ein Weg erkennbar war, hatte er sich inzwischen in einen Bach verwandelt. Dafür, dass wir seit Stunden durch Wasser marschierten, hatten unsere Wanderstiefel erstaunlich dicht gehalten. Aber irgendwann war es dann doch zu viel Nässe von allen Seiten. Inzwischen war es 19.30 Uhr und wir waren schon seit 10 Stunden ohne richtige Pausen unterwegs. Wir hatten weder Kraft noch Lust weiter zu laufen. Unser Zelt konnten wir auf dem sumpfigen Boden allerdings auch nirgends aufstellen. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als weiter zu laufen. Wenn wir nur immer weiter einen Fuß vor den anderen setzen würden, mussten wir die Hütte ja irgendwann erreichen. Also sammelten wir die restliche Motivation, die sich noch in uns befand, zusammen. Die letzten Kilometer zogen sich unendlich. Um kurz nach 21.00 Uhr standen wir dann endlich vor der Hütte - vollkommen erschöpft, durchnässt bis auf die Socken und fix und fertig mit der Welt. Statt der geplanten 17 Kilometer waren es am Ende über 21 Kilometer und 930 Höhenmeter.



Die Tür zur Hütte stand offen, also war schon jemand da. Dieser jemand stellte sich als Hubertus vor und wir erfuhren, dass er ebenfalls Norge på langs läuft.



Die Skarsvassbu war super gemütlich. Neben einer kleinen Küchenzeile standen noch zwei Couchen und ein Esstisch im Geneinschaftsraum. Dann gab es zwei Schlafzimmer mit Stockbetten, ein kleines minimalistisch eingerichtetes Badezimmer ohne fließendes Wasser und eine kleine Vorratskammer, in der man sich selbst bedienen konnte. Die Lebensmittel, die man entnimmt, trägt man auf einem Zettel zusammen mit den Kosten für die Übernachtung und seiner Kreditkartennummer ein und wirft ihn dann in einen Briefkasten. Später haben wir erfahren, dass es inzwischen auch eine modernere Variante über eine App gibt. Wir kochten uns auf dem Gasherd in der Hütte noch schnell Abendessen und tauschten uns mit Hubertus über unsere bisherigen Erfahrungen auf Tour und unsere Ausrüstung aus. Dann verzogen wir uns hundemüde in den Schlafraum.


Als wir am nächsten Tag unsere ganzen nassgewordenenen Kleidungsstücke und Ausrüstungsgegenstände wieder in die Rucksäcke packen wollten, stellten wir erleichtert fest, dass der Großteil über Nacht getrocknet war. Nur unsere Schuhe leider nicht. Es war kein schönes Gefühl, in die nasskalten Stiefel zu steigen. Wir verabschiedeten uns von Hubertus und machten uns auf den Weg - in der Hoffnung, heute bessere Bodenverhältnisse zu haben. Das bald darauf einsetzende schmatzende Geräusch unserer Schuhe machte diese Hoffnung jedoch schnell wieder zunichte. Gleich zu Beginn hatten wir einen langen Anstieg vor uns. Er führte uns teilweise durch eine Schlucht nach oben. Oben angekommen, hatten wir eine super Aussicht zurück auf zwei kleine Seen und die weitläufige Landschaft dahinter.



Das nächste Stück gingen wir an einem sprudelnden Bach vorbei und nutzten die Gelegenheit gleich, um unsere Wasserflaschen aufzufüllen. Als wir dann dachten, wir hätten den Anstieg hinter uns, tauchte eine Felswand vor uns auf und ich scherzte: „Wahrscheinlich müssen wir da auch noch hoch“. Der Weg führte nach kurzer Zeit dann aber tatsächlich seitlich an der Felswand nach oben. Es war eine ziemliche Kraxelei, die mit den großen Rucksäcken gar nicht so leicht war. Als wir oben angekommen waren, war die Aussicht noch grandioser als vorhin schon. Ganz in der Ferne sahen wir eine Bergkette, deren Gipfel noch ziemlich schneebedeckt waren. Von der Richtung auf dem Kompass mussten es die Berge der Setesdal Vesthei sein, durch die wir eigentlich gehen wollten. Da die Schneeschmelze jedoch noch nicht weit genug fortgeschritten war, wichen wir auf die Austheiane aus. Wir genossen noch kurz die Aussicht. In der Ferne sah man unzählige kleine und größere Seen und endlos wirkende Wälder. Und ewig weit kein Anzeichen von Zivilisation. Das Gefühl inmitten dieser weiten Wildnis zu stehen war unbeschreiblich. Es ist ein Glück, dass es so etwas in unserer heutigen modernen Welt noch gab - und noch ein größeres Glück für uns, dies selbst erleben zu können! Irgendwann fiel uns ein, dass wir ja noch einiges an Strecke vor uns haben. Wir rissen uns von diesen Gedanken los und marschierten weiter. Auf dem weiteren Weg wechselten sich Moorgebiete mit kniehohem Gestrüpp und kurzen Waldabschnitten ab. Unterwegs sahen wir immer wieder riesige Ameisenhaufe.





Immer noch begleitete uns das unaufhörliche Schmatzen unserer Füße. Bei diesen Bedingungen war das Vorankommen wirklich schwierig. Durch das hohe Gras und Gestrüpp am Boden konnte kaum eingeschätzt werden, wie tief der Matsch wirklich war. Und so passierte es uns öfter, dass wir plötzlich bis zum Knie im Morast versanken. Wir kamen auch immer wieder an kleinen Wasserlöchern vorbei, die zwar unscheinbar wirkten, bei genauerem Hinsehen aber über einen Meter tief waren. Wenn man da aus Versehen rein trat, ist der Tag auch gelaufen. Die letzten Kilometer zur Hütte zogen sich wieder ziemlich. Aber die urgemütliche Grunnetjørnsbu entschädigte alle Anstrengungen. Wir waren die einzigen und machten es uns erst mal richtig gemütlich: Wir heizten den alten Holzofen an, zündeten ein paar Kerzen an und holten uns aus der Vorratskammer zwei heiße Schokoladen. Strom, elektrisches Licht oder fließendes Wasser gibt es in diesen Hütten nicht. Aber das machte es erst so besonders und irgendwie romantisch. Wir merkten wieder, dass es eigentlich wirklich nicht viel braucht, um glücklich zu sein.






Nach dem Abendessen laßen wir noch ein bisschen im Hüttenbuch, das bis 2013 zurück reichte. Wir waren erstaunt, wie viele NPLer hier schon vorbei kamen. Auch einige bekannte Namen, deren Blogs wir zur Tourvorbereitung gelesen hatten, waren darunter. Ziemlich verrückt, dass wir jetzt selbst von unserer Norge på langs Tour ins Hüttenbuch schreiben. Aus dem Hüttenfenster hatten wir einen perfekten Blick auf den See und konnten der untergehenden Sonne zusehen, wie sie sich auf dem See spiegelte.





Am nächsten Morgen waren wir früh wach, packten schnell unsere Rucksäcke und räumten dann noch die Hütte auf. Jeder, der die Hütte verlässt, sollte sie auch komplett sauber und so, dass für die nächsten Gäste wieder alles bereit steht, verlassen. Wir spülten alles ab, machten die Betten, holten frisches Wasser und Feuerholz und kehrten zum Schluss noch einmal durch die Hütte. Um kurz nach 8.00 Uhr schnallten wir auf der Veranda unsere Rucksäcke um und starteten. Dicke Nebelschwaden hingen schwer über der Landschaft und machten das Erkennen der nächsten Wegmarkierung schwierig.




Da es heute um einiges mehr an Kilometern waren, als gestern, wollten wir heute versuchen, zügiger zu gehen. Als wir dann unsere große Mittagspause machten, hatten wir etwa 9 Kilometer hinter uns und dafür 4 Stunden gebraucht. Der DNT gab für die gesamte Strecke 7 Wanderstunden an. Renée (ebenfalls eine NPL-Wanderin) schrieb dazu 2019 folgenden Satz ins Hüttenbuch: „I don‘t know if Norwegians are flying or immune to mud that they‘re supposed to be here after 7 hours“. Ja, das fragten wir uns auch. Für normale Wanderer ohne Superkräfte sollte man die angegebene Zeit daher immer mal 1,5 nehmen. Unsere Pause fiel heute kürzer aus als sonst, weil ein eiskalter Wind wehte und uns ohne Bewegung schnell kalt wurde. Weiter ging‘s dann über einige felsige Abschnitte. Wir merkten, wie gut sich Gehen anfühlen kann, wenn man festen Untergrund unter den Füßen hat und nicht bei jedem Schritt bis zum Knöchel einsank. Gleich kamen wir auch wieder viel schneller voran.



Kurz dachten wir, wir hätten den sumpfigen Teil hinter uns. Aber bald schon hörten wir wieder das bekannte Schmatzen von unten. Der Weg wurde wieder anstrengender. Es versperrten uns wieder unzählige umgestürzte Bäume den Weg und auch das Gestrüpp wurde wieder mehr. Mit jedem Kilometer nahmen unsere Kräfte ab. Meine Beine wollten alle paar Meter stehen bleiben, aber mein Kopf trieb sie weiter voran. Flo kontrollierte auf seiner GPS-Uhr die verbleibende Distanz. Noch 3 Kilometer. Wir kamen einfach nicht voran. Wir schimpften und fluchten bei jedem Hindernis oder Matschloch. Und mussten irgendwann einfach lachen, weil wir so verzweifelt waren. Als wir an einem kleinen See vorbei kamen, kühlten wir kurz unsere schmerzenden Füße.




Nach 20 endlos wirkenden Kilometern, 800 Höhenmetern und über 9 Stunden kam endlich die Hütte in Sicht. Wir waren so erleichtert, dass wir uns erstmal in die Arme fielen. Wir waren wieder die einzigen Gäste in der Hütte. Flo machte schnell ein wärmendes Feuer und ich suchte gleich mal die Vorratskammer nach einer leckeren Belohnung für den anstrengenden Tag ab. Es beruhigte uns, im Hüttenbuch zu lesen, dass es anderen Wanderern genauso erging wie uns.





Unser Wecker klingelte am nächsten Morgen wieder um 6.30 Uhr, aber wir schafften es heute einfach gar nicht aus dem Bett. Die Anstrengung von gestern wirkte noch ziemlich nach. Wir frühstückten eine große Portion Schokoporridge und versuchten dann unsere Rucksäcke so zu packen, dass alles wichtige gut vor Regen geschützt war. Wir hatten gestern auf einem Gipfel ganz kurz Internet, so dass wir den Wetterbericht laden konnten. Die Vorhersage für heute war nicht gerade berauschend: den ganzen Tag über Regen mit bis zu 19l / m2, dazu starker Wind und nur 6 Grad. Auch die ganze Nacht hatte es schon geregnet. Das zusammen mit dem eh schon sumpfigen Gebiet ergab sicherlich nichts Gutes. Wir zogen gleich in der Hütte unsere komplette Regenkleidung an. Draußen sammelte sich das Regenwasser bereits in riesigen Schlamm-Pfützen. Der Boden war nochmal um einiges nasser, als die Tage zuvor. ,Augen zu und durch‘ dachten wir uns und stapften los. Schon nach den ersten Metern waren unsere Stiefel wieder komplett nass und voller Schlamm.





Der Wind wehte in starken Böen von der Seite, so dass wir immer wieder dagegen halten mussten. Dadurch kam auch der Regen von der Seite und suchte sich seinen Weg durch unsere Regenkleidung. Die Felsen, über die wir uns gestern noch gefreut hatten, waren extrem rutschig und wir mussten uns immer wieder mit den Stöcken auffangen, wenn ein Fuß abrutschte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie wir die Strecke heute bei diesen Bedingungen schaffen sollten. Flo musste sich das gleiche denken, denn er blieb stehen und fragte, ob wir nicht umdrehen und zur Hütte zurückkehren sollten. In schnellen Entscheidungen treffen bin ich gar nicht gut. Aber dann peitschte die nächste Windböe den Regen wieder mit voller Wucht in unsere Gesichter und es war entschieden. So weiter zu gehen, wäre nur eine Qual gewesen. Wahrscheinlich hätten wir wieder keine richtigen Pausen machen können, weil wir sonst gleich auskühlen würden. Schon jetzt konnte ich meine Finger nicht mehr spüren. Insgeheim ärgerten wir uns natürlich, dass wir heute nicht bis zur nächsten Hütte kommen würden. Aber schon beim Rückweg merkten wir, dass es die richtige Entscheidung war. Eine Stunde nachdem wir heute aufgebrochen waren, standen wir wieder auf der Veranda der Granbustøyl. Als wir uns im Vorraum auszogen, entstand gleich eine große Pfütze um uns herum. Auch unsere Rucksäcke waren trotz Regenhülle in der kurzen Zeit schon wieder von innen nass geworden. Also räumten wir wieder alles aus und verteilten es vor dem Ofen.




Als sich in der Hütte die wohlige Wärme des Ofens ausbreitete, waren alle Zweifel wegen des Abbruchs schnell vergessen. Wir zündeten die Kerzen in der Hütte an, schalteten unsere Musikbox an und machten es uns gemütlich. Mittags holten wir uns aus der Vorratskammer eine Fertigpfannkuchenmischung und eine Tafel Zartbitterschokolade. Pfannen und Geschirr gibt es in den Hütten ebenfalls. Die ganze Hütte roch nach Pfannkuchen und wir sahen entspannt dem Regen von innen beim regnen zu.






Gegen Abends hörten wir es auf der Veranda poltern und kurz darauf kam ein triefend nasser Hubertus herein. Wir machten ihm Platz vor dem Ofen, damit er seine Kleidung trocknen konnte. Nach dem Abendessen ratschten wir noch mit Hubertus über alles mögliche. Er hat schon ziemlich viele Abenteuer erlebt - unter anderem einen 6000er bestiegen und eine Wanderung im bolivianischen Dschungel unternommen. Um kurz vor Mitternacht lagen wir dann im Bett.


Das Wetter sah gut aus am nächsten Morgen - wenig Wolken und sogar etwas Sonne. Den ersten Teil der Strecke kannten wir schon von gestern. Uns war aber durch den tief hängenden Nebel nicht aufgefallen, wie schön die Aussicht hier ist.





Danach ging es ein Stück durch den Wald und nach einem zweiten Anstieg folgte wieder felsigeres Terrain. Unsere Mittagspause wollten wir am höchsten Punkt machen. Die Aussicht von oben war wunderschön - ein großer und viele kleine Seen mischten sich mit langen Waldabschnitten, im Hintergrund sah man wieder die schneebedeckten Berge.

Aber genau als wir oben ankamen, fing es wieder an zu regnen. Also wurde die Mittagspause verschoben und es gab nur schnell einen Müsliriegel. Als der Regen dann leichter wurde und wir richtig Pause machen konnten, hatten wir schon 10 Kilometer hinter uns. Wir kamen heute viel besser voran als die letzten Tage. Und auch landschaftlich war die Etappe heute viel abwechslungsreicher. Nachdem wir einen längeren Abstieg hinter uns hatten, waren wir wieder in sumpfigerem Gebiet unterwegs. Danach ging es wieder ein Stückchen durch den Wald und am Ende der Etappe folgte nochmal ein längerer Anstieg bis zur Nutevasshytta. Den ganzen Nachmittag über gab es immer mal wieder Schauer, so dass wir wieder viel mit An- und Ausziehen beschäftigt waren. Da die Hütten mit umgerechnet etwa 30 Euro pro Person unser Budget ziemlich schnell schmelzen ließen, wollten wir heute wieder mal in unserem Zelt schlafen. Aber wir konnten einfach keine geeignete Stelle finden. Entweder war der Boden viel zu nass und matschig oder es war zu schief und hügelig. Als wir oben an der Hütte ankamen, regnete es bereits wieder und es wehte ein eiskalter Wind. Draußen hatte es nur 6 Grad. Da wir auch um die Hütte herum keinen passenden Zeltplatz fanden, gaben wir auf und machten es uns wieder in der Hütte gemütlich. Zum Aufwärmen gab es erst mal heißen Kaffe und eine Packung Kekse aus der Vorratskammer. Dann kam auch schon Hubertus zur Tür herein. Es wurde wieder ein lustiger Abend.





Der nächste Wandertag war dann deutlich angenehmer zu gehen. Die Sumpfgebiete wurden langsam weniger und es kamen mehr felsige Abschnitte hinzu. Auf der Hälfte der Strecke zur Nystøyl, eine kleine Selbstversorgerhütte, bei der wir heute Mittag machen wollten, erwartete uns ein ziemlich langer und anstrengender Aufstieg. Es hatte heute nur 5 Grad und mit jedem Höhenmeter wurde es windiger und noch kälter. Aber auch die Aussicht wurde mit jedem Anstieg spektakulärer. Heute war die Landschaft bisher mit Abstand am schönsten. Die Berge um uns herum waren weiß-gefleckt durch viele Schneefelder. Im Tal sah man unzählige tiefblaue Seen. Dazwischen setzten vereinzelte Baumgruppen grüne Akzente.






Ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit durchströmte uns. Wäre da nicht dieser fiese Wind… Ganz oben war er so stark, dass wir uns kaum auf den Beinen halten konnten. Gerade ausgehen war eine echte Herausforderung. Wir mussten noch ein ganzes Stück auf verschiedenen Bergrücken entlang wandern und kämpften mit jedem Schritt gegen die eisigen Böen an. So starken Wind habe ich noch nie erlebt. Nach dem Abstieg ging es dann bis zur Nystøyl wieder durch ein Sumpfgebiet. Als wir die Hütte erreichten, war Hubertus schon da und wir machten gemeinsam Pause.





Heute war Vatertag und zu unserer Überraschung gab es dort Netz, so dass wir kurz mit unseren Familien schreiben konnten. Mama teilte mir noch mit, dass unser erstes Versorgungspaket, dass wir an einen Campingplatz in Tynset geschickt haben, nicht dorthin sondern an eine Paketstation geliefert wurde. Dort würde es nur 2 Wochen aufbewahrt und dann wieder zurückgeschickt werden. In 2 Wochen würden wir es aber auf keinen Fall bis nach Tynset schaffen. Sobald wir wieder gutes Netz haben, wollten wir da mal anrufen und dann hoffentlich eine Lösung finden. Nach der Mittagspause liefen wir noch weiter zur 6,4 Kilometer entfernten Torsdalsbu. Es ging direkt in den nächsten Anstieg, der teilweise ziemlich steil war. Auch der darauffolgende Abstieg war nicht ohne und führte uns über einige Schneefelder hinab zu einem großen Stausee.




Bei der Hütte angekommen, stellten wir dann erfreut fest, dass das Gelände ringsum recht flach war. Wir suchten uns gleich eine gute Stelle und bauten unser Zelt auf. Auch, wenn die Hütten immer super gemütlich waren, freuten wir uns wieder auf unser Zelt und unsere kuscheligen Schlafsäcke. Bei den Hütten gab es auch die Möglichkeit, nur einen Day-Stay (ca. 5 € pro Person) zu buchen. So konnten wir trotzdem drinnen kochen und im Aufenthaltsraum essen. Die Hütte war geräumig, aber nicht annähernd so gemütlich wie die letzten.




Die Nacht war eisig kalt und das Gras um unser Zelt herum war gefroren. Auch tagsüber blieb es kalt. Da zu Beginn aber gleich wieder ein langer Anstieg auf uns wartete, störte uns das erst mal gar nicht so. Es ging zuerst durch dichteren Nadelwald. Nach einiger Zeit wechselte die Landschaft in lichte Birkenwälder. Wir stiegen immer höher und genossen wieder grandiose Aussichten um uns herum. Immer wieder markierten Steinmännchen die höchsten Punkte. Von dort hatte man jedes Mal eine perfekte 360-Grad-Rundumsicht.




Aber leider war auch der Wind dort oben auf der freien Fläche wieder extrem stark und eiskalt. Wie liefen eine Zeit lang mit kleinen Aufs und Abs über die windumtosten Bergrücken, ehe es die letzten 2 Kilometer zur Hovstøyl wieder relativ steil bergab ging. Bis zur Hütte waren es nur knapp über 8 Kilometer. Bis nach Halbjønn, unserem nächsten Ziel, waren es allerdings noch 20 Kilometer. Das wäre eigentlich eine eigene Tagesetappe. Um unser Budget noch etwas zu schonen, wollten wir wieder im Zelt schlafen. Ein Norweger, den wir an der Hovstøyl trafen, bestätigte uns aber, dass das schwierig werden könnte, weil es ziemlich sumpfig weiter geht. Wir beschlossen, trotzdem noch ein Stück weiter zu laufen und dann den erstbesten Campspot zu nehmen, den wir finden würden.

Der kam dann auch schon nach kurzer Zeit und war einfach perfekt. Wir stellten unser Zelt direkt vor einem kleinen Wasserfall auf einer Insel zwischen zwei Flussarmen auf. Da eine Dusche auch schon lange wieder überfällig war, hüpften wir noch kurz in den Fluss. Dann gab‘s in der Sonne noch ein paar Kekse ehe wir es uns dann im Zelt gemütlich machten, weil es draußen zu windig wurde.




Die Nacht war wieder ziemlich kalt, so dass wir es am Morgen kaum aus unseren warmen Schlafsäcken schafften. Frühstück gab‘s deshalb im Zelt.



Wir wollten den ersten Teil der Strecke heute zügig zurücklegen. Etwas nach der Hälfte wollen wir dann auf einen unmarkierten Weg wechseln, da wir ansonsten einen ziemlichen Umweg gehen müssten. Für diesen Weg wollten wir dafür mehr Zeit einplanen. Wir waren uns noch etwas unsicher, da er auf unserer Wanderkarte nicht eingezeichnet war. Aber in unserer Topo-App und auf der Garmin-Karte, mit der wir zu Hause die Routen geplant haben, war er erkennbar. Bis wir zu der Abzweigung kamen, war der Weg ziemlich anstrengend. Wir mussten wieder durch viele Sumpfgebiete. Hinzu kamen heute wieder viele Schneefelder und einige Flussquerungen. Eine war etwas kniffelig und wir mussten erst nach einer geeigneten Stelle suchen. Ein Stück flussaufwärts wurden wir dann fündig.







Der markierte Weg endete schließlich nach einem Abstieg an einem großen See, dem ein paar kleine private Hütten vorgelagert waren. Es war wieder ziemlich windig, so dass viele kleine Wellen auf dem See erkennbar waren.





Nach der Mittagspause machten wir uns dann auf die Suche nach dem Einstieg in den unmarkierten Weg. Er war gar nicht so leicht zu finden und so gingen wir erst mal einfach drauf los in die Richtung, in die der Weg führen musste. Nach ein paar hundert Meter durchs Gestrüpp fanden wir dann einen Trampelpfad, dem wir folgen konnten. Es ging steil bergauf zwischen zwei Bergketten. Das Panorama beim Blick zurück auf den großen See von dem wir gestartet waren, war gigantisch! Im Hintergrund reihten sich einige schneebefleckte Berge aneinander.



Oben kamen wir dann in einer langen Hochebene an und der Weg war plötzlich ganz anders als bisher. Auf genau so etwas hatten wir uns die ganze Zeit gefreut, als wir an die Fjellgebiete in Norwegen dachten. Rings um uns herum waren hohe Berge. Wir wanderten durch eine Mischung aus Geröll, bunten Flechten und getrockneten Gräsern. Immer wieder mussten kleinere Schneefelder überquert werden. Wir wanderten vorbei an schönen, teils noch vereisten Bergseen. Da es kaum sumpfig war, kamen wir gut voran. Allerdings machten wir so viele Fotostopps, dass wir trotzdem nicht schnell waren. Zum ersten Mal diese Woche wollten wir nicht nur schnell die nächste Hütte erreichen, sondern genossen es richtig, in dieser traumhaften Kulisse unterwegs zu sein.










Dann folgte der Abstieg und schon von oben konnte man unten im Tal eine kleine Siedlung erkennen. Da war sie wieder, die Zivilisation. Nach 8 Tagen in der Wildnis werden wir ab morgen wieder ein paar Tage auf der Straße laufen. Was eigentlich nur eine Woche war, kam uns viel länger vor. So viele Eindrücke und Erlebnisse haben wir aus den letzten Tagen in unseren Köpfen. Wunderschöne und beeindruckende, aber auch anstrengende und nervenaufreibende Erinnerungen reihten sich aneinander, als wir beim Abstieg die letzten Tage Revue passieren ließen. Beim Blick zurück sah man noch lange die Berge, von denen wir abgestiegen sind.



Kurz vor Halbjønn fanden wir dann einen schönen Campingplatz am Fluss, an dem wir noch die letzten Sonnenstrahlen genießen konnten.



Zum Frühstück gab‘s am nächsten Morgen noch unsere Haferflocken-und Smoothiebowlreste. Unsere Lebensmittelvorräte neigten sich langsam dem Ende zu und wir mussten unbedingt wieder einkaufen. Leider ging es sich schon wieder so aus, dass wir den nächsten Supermarkt an einem Sonntag erreichten. Deshalb mussten wir uns alles gut einteilen.


Die Strecke auf der Straße bis Rjukan wollten wir dann zügig zurücklegen. Der erste Abschnitt führte uns bis nach Dalen, das wunderschön an einem großen, von bewaldeten Bergen begrenzten See liegt.