• Miri

Etappe 4: Geilo bis Tynset (Mjølkevegen & Tour de Dovre)

Nach zweieinhalb Wochen Stillstand kommt endlich wieder Bewegung in unsere Tour. Zweieinhalb Wochen voller Bangen und Hoffen, voller Wut und Verzweiflung, voller deprimierender Gespräche über Tourabbruch und einen Plan B (den wir nicht hatten). Aber auch voller verrückter Ideen. Eine davon haben wir dann einfach in die Tat umgesetzt.



Während unserer zweiten Pausenwoche kam uns der Gedanke, dass wir die nächste Etappe ja einfach mit dem Fahrrad fahren könnten. Der Vorschlag war halb ernst gemeint, halb einfach nur lustig dahin gesagt. Aber in uns beiden arbeitete diese Idee irgendwie. Vor allem als langsam klar wurde, dass es wahrscheinlich auch nach zwei Wochen Pause noch nicht so gut sein würde, dass wir problemlos weiter laufen könnten. Meine Achillessehnenentzündung war schwerer als gedacht. Die ersten sieben Tage gab es gar keine Besserung und wir haben eigentlich schon jede Hoffnung aufgegeben. Ich konnte immer noch kaum auftreten und wenn ich die 20 Meter zum Sanitärgebäude humpeln konnte, war ich schon froh. Wir versuchten optimistisch zu bleiben. Aber mit jedem Morgen, an dem die Schmerzen wieder nicht besser waren, fiel es uns schwerer.


Doch dann, nachdem die erste Woche verstrichen war, fing es ganz langsam an, besser zu werden. Es war immer noch weit entfernt von gut, aber immerhin tat sich endlich was. Das zeigte uns aber auch, wie langsam die Heilung voran ging und wie viel Zeit es wahrscheinlich brauchen würde, bis alles wieder ganz normal wäre. Ob wir uns eine dritte Pausenwoche leisten wollen, wussten wir ehrlich gesagt nicht. Unser Budget schmolz nur so dahin ohne dass wir wirklich was davon hatten. Und uns fiel auch langsam wirklich die Decke - oder eher die Zeltplane - auf den Kopf. Einfach mal nichts tun fällt uns zu Hause schon schwer. Umso schwerer war es hier, wo vor der Tür zahlreiche Wanderwege in wunderschöne Landschaften führten.



Aber für einen Wiedereinstieg zu Fuß war es zu früh. Das gab mir mein Körper deutlich zu verstehen, als nach einem zwei Kilometer langen Spaziergang die Sehne gleich wieder ziemlich meckerte.

Da war er dann wieder, der Gedanke an eine Fahrradetappe. Wir sprachen die Möglichkeiten durch. Wir könnten beim Fahrradverleih nachfragen, wie viel eine längere Vermietung kosten würde. Dann hätten wir allerdings noch das Problem, dass die Räder ja irgendwie wieder nach Geilo zurück müssten. Wir suchten nach Busverbindungen zurück. Das verwarfen wir aber schnell wieder, da es keine guten Verbindungen gab und wir mehrere Tage unterwegs wären. Die nächste Option war, für einen Tag ein Mietauto zu nehmen und die Räder damit zurück zu fahren. Das war aber auch wieder raus, als uns auffiel, dass keiner von uns seinen Führerschein dabei hatte. Der komplette Plan kippte dann, als wir in Erfahrung brachten, dass uns Leihräder zusammen 80€ pro Tag kosten würden. Wir waren ziemlich geknickt. Irgendwie fiel die Idee wirklich an, uns zu gefallen. Die Aussicht, endlich wieder weiter Richtung Norden zu können und wieder etwas zu erleben, war einfach zu schön.


Es gab noch eine weitere Option, die wir aber eigentlich nie so wirklich in Betracht gezogen haben: Wir könnten uns gebrauchte Räder kaufen. Aber warum eigentlich nicht? Beim Verleih wär das Geld weg. So hätten wir ja wenigstens die Chance, die Räder anschließend wieder zu verkaufen. Obwohl wir beide nicht wirklich daran glaubten, dass das funktionieren könnte, suchten wir im Internet auf finn.no (quasi Ebay Kleinanzeigen auf norwegisch) und fragten auf dem Campingplatz rum, ob jemand jemanden kennt, der ein altes Fahrrad verkaufen würde. Sie empfahlen uns mit dem Besitzer des Fahrradverleihs zu sprechen, der würde sowas am ehesten wissen. Gleich am nächsten Morgen ging Flo deshalb in die Stadt. Doch er konnte uns leider auch nicht helfen und schickte Flo weiter in einen Gebrauchtwaren-Shop. Dort fand er zwar kein Fahrrad, aber ganz unten im Keller einen kleinen Anhänger. Der passte einfach so perfekt, dass wir es gar nicht glauben konnten.



Denn was bis dahin immer noch ein großes Fragezeichen war, nämlich wie wir unser Gepäck transportieren sollten, hatte sich damit ganz plötzlich gelöst. Und ab da erschien uns unser Plan tatsächlich machbar. Motiviert stürzten wir uns wieder in die Fahrradsuche. Wir fanden eines im nächsten Ort und schrieben mit dem Verkäufer wegen eines Besichtigungstermins. Leider bekamen wir aber keine Antwort mehr. Trotzdem fingen wir schon mal an, eine Fahrradroute auszuarbeiten.



Am nächsten Tag fuhren wir eine Stadt weiter nach Ål. Dort gab es auch noch eine Bruktbuttik. Sie hatten sogar drei Räder. Eines war viel zu klein, beim anderen funktionierten die Bremsen nicht und das dritte war ein uraltes Stahlrad mit nur 4 Gängen und Rücktrittsbremse. Was hatten wir uns nur gedacht, dass wir meinen, in so kurzer Zeit gute Fahrräder finden zu können. Langsam glaubten wir doch, dass das alles eine riesen Schnapsidee war. Während Flo das Stahlrad ausprobierte, kam ich mit der Besitzerin des Ladens ins Gespräch. Als ich von unserem Plan erzählte, wollte sie uns helfen. Sie holte ihr Handy raus und suchte gemeinsam mit uns im Internet nach Rädern. Wir stießen wieder auf das Rad, bei dem wir keine Antwort mehr bekamen. Kurzerhand beschloss sie, dort anzurufen. Sie telefonierte eine Zeit lang auf norwegisch. Dann meinte sie zu uns, dass er das Fahrrad morgen vorbei bringen könnte und wir es dann bei ihr im Laden ansehen könnten. Wir waren unglaublich dankbar für ihre Hilfe! Das Stahlrad reservierten wir uns ebenfalls bis morgen (eine Alternative hatten wir ja nicht). Glücklich und wieder optimistischer gestimmt schauten wir uns dann das Städtchen noch ein bisschen an und entdeckten ein tolles Café, an dem wir nicht vorbei gehen konnten.



Am nächsten Tag holten wir noch den Fahrradanhänger ab und zogen dann die 20 Kilometer weiter nach Ål auf den dortigen Campingplatz um. Das Fahrrad passte mir zwar nicht perfekt, aber der Zustand war einigermaßen gut und so kauften wir es. Bei Flo‘s Rad waren wir uns aber noch unsicher. Mit nur vier Gängen die steilen Berge hier hoch zu kommen würde schon schwierig sein - mit einem schweren Gepäckanhänger hinten dran eher unmöglich. Flo hatte gestern noch bis 1 Uhr nachts auf Anzeigen im Internet geantwortet und tatsächlich für morgen noch einen Besichtigungstermin in Gol (nochmal 25 Kilometer weiter) ausmachen können. Den restlichen Tag verbrachten wir damit, mein Fahrrad ein bisschen einzustellen und uns die Umgebung des Campingplatzes anzusehen. Er war richtig schön gelegen - direkt an einem Fluss. Ein Stück weiter entdeckten wir einem kleinen Wasserfall, an dem ein Weg entlang ging. Wir setzten uns auf die Steine davor und schauten den Wassermassen noch eine Weile zu, wie sie mit lautem Donnern die Stufe hinunter stürzten.





Am nächsten Tag fuhr Flo nach Gol, um sich das Fahrrad anzusehen. Mittags kam er wieder zurück. Auf einem Mountainbike! Jetzt hatten wir also wirklich zwei Fahrräder!



Gut, sie waren nicht gerade perfekt. Flo’s Lenker war zu tief, die Bremsen waren bei beiden Rädern schon ziemlich abgefahren, die Reifen ebenfalls, die Ketten waren verrostet und sie hatten weder Ständer noch Lichter. Bei Flo‘s Rad fehlten außerdem die Schutzbleche - das wird bei Regen bestimmt lustig. Aber sie hatten zwei Räder und konnten fahren. Das reichte uns schon. Bis nach Tynset würden sie uns hoffentlich schon irgendwie bringen. Für alle drei zusammen haben wir etwa 300€ ausgegeben und waren damit um einiges günstiger als bei ausgeliehenen Rädern. Als wir dann im Bett lagen, keimte doch noch einmal Skepsis auf. Das ist doch einfach nur total verrückt. Was haben wir uns nur dabei gedacht… Aber jetzt war es zu spät für Zweifel. Vor unserem Zelt standen zwei Räder und ein Anhänger, die wir schon gekauft hatten.


Für den kompletten nächsten Tag war Starkregen angesagt. Deshalb verschoben wir unseren Wiedereinstieg noch einen Tag nach hinten. Wir holten uns zwei Stühle von der Rezeption und verbrachten den Tag in der Campingplatzküche.



Am nächsten Morgen wartete dann noch eine Herausforderung auf uns: alles so zu verpacken, dass wir es irgendwie in den kleinen Hänger quetschen können. Wir mussten ein paar mal umpacken, aber mit ein bisschen Improvisationstalent und einigen Spanngurten klappte es.





Und dann ging es endlich los. Wir waren wieder unterwegs! Das war so ein unglaublich tolles Gefühl!


Am Anfang mussten wir aber gleich ein paar Mal umkehren, weil manche Wege, die wir uns rausgesucht hatten, mit dem doch nicht so offroad-tauglichen Anhänger nicht funktionierten. Auf die Straße mussten wir aber zum Glück nur selten ausweichen. Meistens fanden wir gute unbefestigte Schotterstraßen. Wir fuhren heute hauptsächlich durch Wald - immer an der Hallingsdalselva entlang.





Nachmittags erreichten wir Gol und checkten dort auf dem Campingplatz ein. Ein bisschen komisch wurden wir schon angesehen, als wir unsere Trekkingrucksäcke und Wanderstiefel vom Anhänger hoben.


Am nächsten Tag ging es gleich nach Gol in einen steilen Anstieg. 10 Kilometer lang ging es in engen Serpentinen nur bergauf. In den Alpen wäre das wahrscheinlich eine wenig befahrene Passstraße. Hier in Norwegen war es die Hauptverkehrsverbindung zwischen zwei großen Orten. Unzählige LKWs mussten so mit Schrittgeschwindigkeit hinter uns her tuckern, bis sie endlich überholen konnten. Sie taten uns ziemlich leid. Schneller als Schrittgeschwindigkeit wurde es auf dieser Strecke bei uns auch nicht. Mein Fahrrad war überhaupt nicht berggeeignet. Die Übersetzung war eine Katastrophe. Flo‘s Mountainbike stand da zwar besser da, aber mit 30 Kilo Gepäck auf dem Anhänger half das auch nicht viel. Das Wetter setzte uns zusätzlich zu. Es hatte fast 30 Grad und es war absolut windstill. Und da die Sonne so hoch stand, gab es auch nirgends Schatten. Komplett gegrillt und völlig nassgeschwitzt kamen wir dann oben an. Wir machten erstmal eine lange Pause. Danach ging es zwar immer noch durchgehend bergauf, aber nicht mehr so steil. Nach weiteren 5 Kilometern konnten wir die Straße wieder verlassen und fuhren weiter auf einer unbefestigten Kiesstraße durch das Golsfjellet.





Die Landschaft war richtig idyllisch. Wir fuhren vorbei an einigen Weiden und durch kleine Hüttendörfer. Unterwegs kamen wir auch an einer kleinen alten Holzkirche vorbei. Die Oset Fjellkirke wurde wohl komplett von Hand geschnitzt.




An Tisleifjorden stellten wir dann unser Zelt oberhalb des Ufers auf. Wir sprangen direkt erst mal in den See und kühlten uns ab. Später schloss dann noch ein wunderschöner Sonnenuntergang den Tag ab. Nur die zigtausenden Mücken störten die Romantik etwas. Wir beobachteten das Schauspiel deshalb lieber aus dem sicheren Zelt.







Als wir am nächsten Morgen aus dem Zelt schauten, war der Himmel wieder strahlend blau und komplett wolkenlos. Wir ließen uns Zeit beim Frühstück und genossen noch ein bisschen die tolle Aussicht. Unser Weg führte uns die ersten Meter über einen großen Damm. Auf der anderen Seite versperrte uns dann aber eine Horde Kühe den Weg und wir mussten geduldig warten, bis sie dann doch mal weiter ziehen wollten. Dann ging es wieder stetig bergauf und die Landschaft wurde immer schöner. Das weitläufige Fjell wurde nur von einer schneebedeckten Bergkette zu unserer Linken begrenzt. Einfach traumhaft! So schön hatten wir uns die Radwege gar nicht vorgestellt.







Mittags legten wir uns auf den Kies, machten ein bisschen die Augen zu und genossen die Sonne. Wir waren so glücklich darüber, dass unsere Tour endlich weiterging und wir wieder Mittagspausen in so einer herrlichen Landschaft machen konnten! Als wir nach weiteren 10 Kilometern die Gomobu Fjellstue erreichten und es für uns ENDLICH die langersehnten norwegischen Waffeln mit Rømme und  Erdbeermarmelade gab, konnte unsere Laune kaum mehr besser sein!



Kurz darauf erreichten wir Vaset. Flo‘s Hinterreifen bereitete uns etwas Sorgen. Bereits Gestern hatten wir mehrere offene Stellen am äußeren Mantel entdeckt. Da wir hauptsächlich Schotterstraßen fuhren, war uns das Risiko zu hoch, dass der Schlauch platzen könnte und wir dann irgendwo mitten im Fjell stehen. Also fragten wir im Intersport nach einem neuen Reifen. Anscheinend sahen wir aus, als hätten wir nicht viel Geld, da der Verkäufer gleich meinte, dass uns der Reifen wahrscheinlich zu teuer ist und ihn uns einfach billiger verkaufte. Vielleicht hatte er aber auch nur unsere Räder gesehen. Wir waren happy und montierten den Reifen schnell, bevor wir weiter fuhren.





Da Vaset im Tal lag, mussten wir danach erst mal wieder einige Höhenmeter hoch. Die Hitze forderte uns dabei wieder ziemlich und wir hofften, wieder einen Zeltplatz am Wasser zu finden, um uns ein bisschen abkühlen zu können. Wir hatten Glück und fanden ein tolles Plätzchen an einem Ablauf des Søre Syndin.





Für den nächsten Tag war Regen angesagt. Wir beeilten uns in der Früh, damit wir das Zelt noch trocken abbauen konnten. Als wir gerade unsere Rucksäcke fertig hatten, fing es auch schon an. Schnell zogen wir unsere Regenkleidung über und verpackten unsere Rucksäcke in große Mülltüten. Den Frühstücks-Couscous gab es dann mit Regentopping. Den Kaffee ließen wir aus.





Unsere Tour folgte weiter dem Mjølkevegen. Nach etwa 10 Kilometern erreichten wir die Syndinstoga. Da der Regen wieder stärker wurde, beschlossen wir, den Kaffee nachzuholen und uns ein bisschen aufzuwärmen. Bevor wir weiter fuhren, legten wir unseren Spot-Sender noch kurz nach draußen, um einen GPS-Punkt zu setzen. Ab jetzt ging es nur noch bergab bis zum nächsten Ort. Unseren eh schon abgefahrenen Bremsen setzte die steile Fahrt ins Tal ziemlich zu. Wir hatten gehofft, sie würden irgendwie noch bis Tynset halten. Aber dem war wohl nicht so. Schon bei der Hälfte roch es nach verbranntem Gummi und ein Blick auf die Bremsbeläge zeigte uns, dass wir sie wohl bald neu machen sollten. In Ryfoss angekommen, steuerten wir erst mal den Supermarkt an. Während wir unsere Einkäufe verstauten, wollte ich wieder einen GPS-Punkt setzen, da wieder 10 Kilometer rum waren. Aber ich konnte den Spot nicht finden und fragte Flo, wo er ihn denn hingetan hatte. Sein Gesichtsausdruck bedeutete nichts Gutes. Und meiner glich sich ziemlich schnell an. Das durfte jetzt nicht wahr sein. Nicht hier. Nicht nach dieser ewig langen steilen Abfahrt. Nicht bei diesem scheiß Wetter. Aber es war wahr: Der Spot lag noch oben bei der Hütte. Da war sie dahin unsere gute Laune. Wir waren so wütend auf uns selbst. Wie konnte uns das passieren? Wir kontrollierten normal immer zwei mal ob er wieder am Rucksack hing. Bei allem anderen hätten wir überlegt, ob wir es nicht einfach liegen lassen. Aber der Spot war unsere einzige Sicherheit, falls wir fernab der Zivilisation Hilfe brauchen würden. Darauf konnten wir nicht verzichten. Da Flo das bessere Rad hatte und ich meine Sehne noch nicht so stark belasten konnte, fuhr er die Strecke zurück. Ich setzte mich vor dem Supermarkt auf den Boden und ärgerte mich über unsere Dummheit. Ich fühlte mich mies, dass ich hier nur rumsaß, während Flo jetzt im strömenden Regen die ganzen 10 Kilometer den steilen Berg wieder hoch fahren musste. 1,5 Stunden später schickte Flo mir ein Foto.



Gottseidank, der Spot war noch da! Als Flo dann eine Stunde später aber immer noch nicht wieder unten war, fing ich an mir Sorgen zu machen und fragte, wo er war. Als Antwort folgte: „Bin gleich da… Hab ein Bad nehmen müssen“. Ich verstand nicht ganz. Dann folgte ein Bild mit seinen voll mit Schlamm bespritzen Füßen und der Erklärung, dass er überall so ausgesehen hat. Regen, Schotterweg und keine Spritzschutzbleche waren wirklich eine richtig blöde Kombi…



Eine halbe Stunde später kam er dann endlich wieder auf den Parkplatz gefahren - tropfnass von oben bis unten. Inzwischen war es 17.00 Uhr und an Weiterfahren war nicht mehr zu denken. Zwei Kilometer entfernt entdeckten wir einen Campingplatz. Leider gab es dort wieder keine Küche oder einen Aufenthaltsraum. Bei dem Starkregen brauchten wir das Zelt aber auch noch nicht aufzubauen.



Wir sehnten uns so nach einem trockenen warmen Raum, dass wir uns ausnahmsweise eine Hütte gönnten. Recht viel mehr als trocken und warm war die dann allerdings auch nicht. Wir spannten unsere Reepschnur quer durch den Raum und hingen alles zum trocknen auf.



Flo ging noch kurz zum See, um die mystische Stimmung mit der Kamera einzufangen.



Als wir ins Bett gingen, mussten wir die Fenster kippen. Obwohl es draußen kalt war, war es in der Hütte dermaßen stickig und heiß, dass wir ein bisschen frische Luft brauchten. Großer Fehler. Eine Stunde später standen wir wieder auf, um etwa hundert Mücken zu erschlagen. Irgendwann gaben wir auf und versuchten, irgendwie zu schlafen. Wir hatten natürlich nicht alle Mücken erwischt und da die Fenster jetzt zu blieben, kochten wir vor uns hin. Wir waren kurz davor, um 1 Uhr nachts mitten im Regen noch unser Zelt aufzustellen. Also heute war wirklich nicht unser Tag. Morgen wird bestimmt besser.


Auch Ryfoss liegt unten im Tal und so mussten wir am nächsten Morgen dann auch wieder einen kilometerlangen Anstieg bewältigen. Aber der Regen war vorbei und die Laune schon wieder viel besser. Am Straßenrand wuchsen ganz viele bunte Wildblumen - allen voran Lupinen in den unterschiedlichsten Lilatönen. Auch vielen sich sonnenden Schafen begegneten wir heute. Oben angekommen, hatten wir eine tolle Aussicht auf das nächste Tal.





Bei dieser Aussicht gab’s dann erst mal Mittagessen: Wie immer eine Packung Lomper und eine Tube Schmelzkäse. Irgendwie hatte sich das in letzter Zeit als Mittagessen durchgesetzt.



Anschließend mussten unsere Bremsen wieder herhalten. Es ging bis zum nächsten Ort bergab. Dann wechselten wir auf die E16 und folgten ihr bis Beitostølen, unserem heutigen Ziel. Dort konnten wir auf dem bisher billigsten Campingplatz für 10 € unser Zelt aufstellen. Sonst zahlten wir eigentlich immer 20-25€.


Am Tag darauf mussten wir einen Pausentag einlegen, da Flo unsere Räder ein bisschen auf Vordermann bringen musste. Neue Bremsen waren wirklich bitter nötig!



Mit wieder funktionierenden Bremsen ging’s dann am nächsten Tag auf der Valdresflye weiter nach Jotunheimen. Zuerst standen wir allerdings noch etwas im Stau.



Dann fuhren wir direkt auf die hohen Berge Jotunheimens zu.




Schon auf den ersten Metern fing es wieder an zu regnen. Je näher wir den hohen Bergen kamen, desto kälter wurde es. Obwohl es bergauf ging, war mir kalt und ich zog bald noch eine weitere Schicht drunter. Wie Flo immer noch barfuß in seinen Sandalen radeln konnte, war mir echt ein Rätsel. Damit er mal friert, braucht es schon minus 30 Grad. Der Regen wurde immer stärker und durch den Fahrtwind kam er auch von vorne. Als wir am Bygdin Høyfjellshotel vorbei fuhren, mussten wir nicht lange überlegen, ob wir reinschauen wollen. Wir brauchten eine Pause vom Regen! Drinnen war es super gemütlich und der Duft von frischem Essen strömte uns entgegen. Wir wollten heute einmal richtigen selbstgemachten Rømmegrøt probieren (bisher gab’s nur einmal die Fertigversion). War wirklich lecker!





Nachdem wir wieder aufgewärmt waren, ging es weiter. Kurz nach Bygdin bogen wir auf den Jotunheimvegen ab - eine kleine Schotterstraße durch wunderschöne Landschaft. Leider tauchte der Regen alles in einen grauen Schleier. Zuerst fuhren wir direkt am Vinstre-See entlang. Einige rote Norwegerhäuschen lagen vertreut am Ufer.




Hinter uns sahen wir noch lange die hohen Berge Jotunheimens. Immer wieder kamen wir an kleinen Bauernhöfen vorbei. Der Mjølkevegen machte hier seinem Namen alle Ehre: Wir trafen heute definitiv mehr Kühe als Menschen.




Da es immer noch regnete was das Zeug hält, nutzten wir die Gelegenheit, uns in der Haugseter Fjellstue nochmal kurz bei einem Kaffee aufzuwärmen. Auch diese Hütte war super gemütlich und wir wären am liebsten gleich da geblieben. Aber wir wollten noch ein paar Kilometer schaffen.




Danach führte uns der Weg noch weiter durch wunderschöne Fjelllandschaft.





Als es dann Zeit wurde, einen Zeltplatz zu suchen, befanden wir uns gerade in ziemlich sumpfigem Terrain. Bevor wir einen Zeltplatz finden, mussten wir allerdings erstmal noch Wasser finden, da unsere Trinkflaschen beide schon leer waren. Aber wir sahen nur kleine sumpfige Tümpel. Also traten wir weiter in die Pedale. Einige Kilometer später hörten wir es plötzlich plätschern. Endlich! Ein Fluss! Und kurz danach fanden wir auch gleich einen schönen Zeltplatz. Da hatten wir wieder Glück gehabt. Sobald wir allerdings vom Rad stiegen, waren wir umzingelt von Mücken. Es waren so viele, dass wir nur noch kleine schwarze Punkte vor uns schwirren sahen. Wie konnten die bei Regen überhaupt fliegen? Schnell kramten wir unsere Kopfnetze raus und bauten in Windeseile das Zelt auf.





Wir schauten noch auf unserer Karte nach, wie wir morgen weiterfahren wollen. Da wir aber kein Internet hatten, wird morgen wahrscheinlich einfach nach Bauchgefühl entschieden. Gegen 22 Uhr zog der Himmel dann plötzlich auf und wir bekamen doch noch ein paar letzte Sonnenstrahlen ab.




Die Hoffnung, dass die Mücken am nächsten Tag weg wären, wurde gleich am Morgen wieder zunichte gemacht. Es hörte sich an, als würde es regnen, doch es waren Mücken und Fliegen, die wie blöd auf unser Zelt flogen. Also erstmal wieder Kopfnetz auf und dann bloß nicht auf der Stelle stehen bleiben! So waren wir direkt viel schneller beim packen.



Das Bauchgefühl hat dann entschieden, dass wir den Mjølkevegen fertig fahren bis nach Vinstra. Vormittags hatten wir sogar richtig schönes Wetter und konnten die Landschaft nochmal genießen. Neben vielen Kühen trafen wir auch eine kleine Schaffamilie mit vier süßen Lämmern.





Pünktlich zu unserer Mittagspause fing es dann aber schon wieder an zu regnen. Der Wetterbericht hatte für heute gar kein Regen angesagt, wie gestern eigentlich auch schon. Naja, wieso sahen wir uns den eigentlich noch an, wir müssten es doch inzwischen besser wissen. Kurz vor Vinstra fuhren wir an einer schönen bewaldeten Schlucht vorbei.



Plötzlich fiel Flo auf, dass sein Hinterrad wieder komisch fuhr. Zu unserem Entsetzen mussten wir feststellen, dass zwei Speichen gebrochen waren. Das konnte doch nicht wahr sein. Flo meinte, dass sich das Rad dadurch wahrscheinlich schon leicht verbogen hatte und wenn wir Pech haben, das komplette Rad getauscht werden muss. Das wäre das Fahrrad aber gar nicht mehr wert. Ziemlich deprimiert standen wir dann im Regen und wussten nicht, wie es weiter gehen soll. Da es hier nirgends ein Fahrradgeschäft gab und der nächste Intersport erst in Otta war, mussten wir irgendwie weiter kommen. Ein bisschen Tape als erste Hilfe musste erst mal reichen.



Ich wollte versuchen, mit meinem Trekkingrucksack auf dem Rücken zu fahren, damit der Anhänger nicht mehr so schwer war. Dass das mit dem Rucksack keine so gute Idee war, brauche ich wahrscheinlich nicht zu schreiben. Nicht nur, dass ich mich nicht mehr richtig umdrehen konnte, auch der Schwerpunkt war ziemlich unpraktisch zum Radfahren. Ganz zu schweigen von dem zusätzlichen Gewicht, das jetzt meine eh schon schmerzenden Sitzbeinhöcker abbekamen…

Obwohl es eigentlich ziemlich cool war bis jetzt, hatte uns dieser Zwischenfall den Tag schon ziemlich vermiest. Wir versuchten, die schlechte Laune einfach sein zu lassen. Aber so ganz gelang es uns nicht. Nach 63 Kilometern fehlte uns auch irgendwie die Energie dazu und so ging es ziemlich zeitig ins Bett.


Am nächsten morgen machten wir uns dann mit viel Hoffnung auf nach Otta zum Intersport. Doch leider konnten sie uns nicht helfen. Sie hatten gar keine Ersatzteile und würden auch keine Reparaturen durchführen. Außerdem meinten sie, dass das ziemlich aufwendig wäre, weil wohl alle Speichen dann gelockert und wieder neu gespannt werden müssten. Das hörte sich für uns nicht nur aufwendig an, sondern auch teuer. Flo recherchierte in einigen Bikepacking-Foren. Es kann wohl gut gehen, ein Stück mit gebrochenen Speichen zu fahren oder halt auch nicht. Wir werden es wohl riskieren müssen.


In Otta fand gerade ein kleines Foodfestival mit vier Foodtrucks aus verschiedenen Ländern statt. Bevor es weiter ging, wollten wir dort noch eine Kleinigkeit essen. Wir schwankten zwischen Griechenland und Spanien. Schließlich gewannen die Churros :)




Danach fuhren wir über Sel weiter nach Dovre - natürlich wieder im Regen. Dabei mussten wir ein Stück über die E6 - die größte Straße in Norwegen. Uns grauste schon ein bisschen davor. Aber es gab diesmal keine einzige Alternativstrecke. Es machte dann nicht nur überhaupt keinen Spaß, zusätzlich von den LKWs nass gespritzt zu werden, sondern war auch ziemlich gefährlich. Die meisten bremsten gar nicht ab und bretterten mit minimalem Abstand an uns vorbei. Wir waren heilfroh, als wir die E6 nach 7 Kilometern wieder verlassen konnten. Wir bogen auf eine Schotterstraße ab, die aber teilweise zu steil zum fahren war. Nachdem der Berg geschafft war, stieg auch die Laune wieder.





Wir waren inzwischen komplett durchnässt und steuerten direkt den nächsten Campingplatz an. Dort wurden wir gleich herzlich empfangen. Diesmal gab es gottseidank sogar einen großen und richtig schönen Aufenthaltsraum.




Da wir nach dem Abendessen irgendwie immer noch Hunger hatten, gab‘s noch Resteverwertungsnachtisch: eine paar in der Pfanne gebratene Lomper mit einem Rest Nugatti und Zimt-Zucker :)


Am nächsten Morgen mussten wir unser Zelt mal wieder nass einpacken. Bis wir alles auf den Rädern festgeschnallt haben, dauert es doch immer um einiges länger, als nur die Rucksäcke zu packen.



Unsere Sachen wurden aber sogar alle trocken. Nur Flos Helm nicht, weil er vergessen hatte, ihn drinnen aufzuhängen. Als er ihn aufsetzte tropfte ein Schwall Regenwasser aus den Schaumstoffteilen. Wir fuhren den Feldweg von gestern weiter. Bloß keine E6 mehr - auch wenn das einige Höhenmeter mehr bedeutete. In Dovre füllten wir schnell unsere Lebensmittelvorräte auf und nahmen uns noch zwei Gebäckstücke als Belohnung für die folgenden Kilometer mit. Uns stand der längste und steilste Aufstieg unserer Etappe bevor. Auf 13 Kilometern ging es 800 Höhenmeter am Stück bergauf. Vor dem Supermarkt unterhielten wir uns noch mit einem anderen Bikepacker. Er hatte uns vor ein paar Tagen auf dem Mjølkevegen schon gesehen und uns gleich wieder erkannt. Es fahren wohl nicht so viele ihre Trekkingrucksäcke spazieren. Dann machten wir uns auf, die Höhenmeter schnell hinter uns zu bringen. Nach kurzer Zeit kamen wir an einer der heiligen Olavsquellen vorbei. Ihr Wasser soll eine heilende Wirkung haben. Ich tauchte meine Achillessehne kurz hinein. Kann kann ja nicht schaden ;)




Der Aufstieg zog sich ganz schön und verlangte uns einiges ab. Nach der Hälfte hatten wir einen tollen Blick hinunter ins Tal. Dann ging es noch weiter bergauf, bis wir das Fjell erreichten. Oben angekommen, suchten wir uns dann einen schönen Platz fürs wohlverdiente Belohnungsgebäck.






Oben blies ein ziemlich starker und eiskalter Wind. Aber nach 4 Tagen Regen waren wir einfach nur froh, dass es trocken war. Sogar die Sonne begleitete uns heute fast den ganzen Tag. Wir folgten der Tour de Dovre auf dem Grimdalsvegen.



Die Landschaft war traumhaft! Rechts die Berge von Dovre, links von uns das Rondanegebirge. Wir entdeckten kleine Schluchten, durch die sich Flüsse schlängelten, idyllische Fjelllandschaften und ein unglaublich schönes Tal. Immer wieder passierten wir kleine Almdörfer mit vielen roten und schwarzen Hütten mit Grasdächern.











Unser Zelt stellten wir oberhalb eines kleinen Wasserfalls auf. Wir waren inzwischen so durchgefroren, dass wir uns erstmal eine halbe Stunde im Schlafsack aufwärmten, bevor wir uns ums Abendessen kümmerten.